Es ist fast egal, um welche Talkshow es sich handelt: Unterbrochen wird immer – Fatal, wie ich finde.
Neulich Abend habe ich mal wieder eine Talkshow angeschaut. Ich hoffte, dass es diesmal den Gästen vergönnt sein würde, ausreden zu dürfen. Das war ein Irrtum.
Je länger die Talkrunde anhielt, desto mehr sind sich alle gegenseitig munter ins Wort gefallen.
Es ist schade um die Gedanken, die nicht zu Ende gedacht werden dürfen.
Sie kennen sicher auch diverse Talkshow-Formate im Fernsehen. Eins haben alle gemeinsam: Die redenden Gäste werden häufig unterbrochen und dürfen ihre Gedanken nicht bis zum Ende darlegen. Kaum jemand hört intensiv zu und entwickelt die Gedanken der Vorredner weiter. Manchmal redet sogar die ganze Runde durcheinander.
Alle wollen „performen“: Politiker folgen althergebrachten Rollenmustern und kritisieren einander reflexartig. Neue Ideen haben gar keine Chance, gemeinsam weiter gedacht zu werden.
Moderatoren wollen ihre vorbereiteten Fragen und Filmsequenzen anbringen und müssen die Sendezeit einhalten.
Am Ende sind die Zuschauer wenig schlauer als vorher und über mögliche Lösungsansätze wurde nicht wirklich nachgedacht.
Könnte die Redeminute ein Experiment wert sein?
Der Geist taucht mutig in die Frage ein
Die „Redeminute“ ist eine effiziente Methode, Sitzungen zu moderieren. Die Anwesenden bekommen nacheinander eine Minute Zeit, ohne Unterbrechung zur gemeinsamen Frage ihre Gedanken zu äußern.
Eine Minute – das hört sich kurz an, ist es aber nicht. Die ersten Gedanken sind meist schnell geäußert und die Minute ist noch lang nicht vorbei. Diese Zeitspanne wurde aber verabredet und alle anderen hören deshalb weiter aufmerksam zu, auch in eine kurze Stille hinein. Diese Chance nutzt unser Geist sofort und taucht mutiger in die Frage und ihre Umstände ein. Es kommen Gedanken an die Oberfläche, die sonst verborgen geblieben wären.
Eine Denk- und Redeminute erzeugt Freiheit
Die „Redeminute“ wird so zur „Denkminute“ und erzeugt in Sitzungen Freiheit in verschiedenen Facetten: Freiheit im Sachverhalt, Freiheit von den üblichen Denkmustern, Freiheit von langen Monologen einzelner und – last but not least – Freiheit von überlangen Sitzungen.
Wir Menschen bleiben unter unseren Möglichkeiten
In unserer gegenwärtigen Zeit, in der es wie sonst noch nie auf das beste Denken aller ankommt, ist es fatal, wenn wir uns gegenseitig nicht wirklich aufmerksam zuhören. Es bleibt vieles ungedacht, wenn wir unsere Aufmerksamkeit unserer nächsten Erwiderung widmen, während jemand anderes noch redet. Wir Menschen bleiben dann unter unseren Möglichkeiten. Das können wir uns eigentlich nicht leisten, tun es aber. Dabei riskieren wir viel, denn wir können nur zusammen auf die großen Fragen der Gesellschaft Antworten finden.
Da frage ich mich sehr ernsthaft, was mein Beitrag zum Antworten finden sein könnte. Beruflich gelingt es mir leicht, Menschen in ihrem (Nach)Denken zu verbinden. Privat fällt es mir mitunter noch schwer.
Ich bleibe also dran und starte für mich selbst das Experiment der (gefühlten) Redeminute für die Menschen, denen ich zuhöre.