Wir alle sehnen uns so sehr den „Zustand nach Corona“ herbei, ein Leben in Fülle statt auf Sparflamme. Was heißt das eigentlich für meine Kirche?
Neue Gedanken über die Pandemie in der Mittagssonne
Die Frühlingssonne lockt mich in meinen Gemüsegarten, mein Coronaprojekt im letzten Jahr. Ich will ein bisschen schauen und überlegen, welche Arbeiten anstehen.
Ungewöhnlicherweise höre ich an diesem herrlichen Tag das 12-Uhr-Läuten meiner Kirche. Der Wind scheint günstig zu stehen. Mich berührt das irgendwie, lädt mich zum Innehalten ein. Ich setze mich in die Sonne und schließe die Augen, weil es so hell ist.
In diesem Augenblick fühlt sich alles so leicht an, keine Gedanken an die Pandemie …
Und doch, da ist sie gleich wieder in meinen Gedanken, aber anders irgendwie.
Wohin kehrt meine Kirchengemeinde nach Corona zurück? Welche Bedürfnisse haben „Post-Coronas“ bei mir um die Ecke und welche Aufgabe hat da meine Kirchengemeinde.
Das Bedürfnis der „Post-Coronas“ nach Spaß und Sicherheit ist groß.
Egal, wie „beliebt“ Glaube, Kirche, Gemeinde bei den „Post-Coronas“ in meinem Kiez sein werden, alle haben schon jetzt große Bedürfnisse nach neuen Orten, Erlebnissen, unbeschwerter Freude und Spaß, Normalität und Sicherheit. Ihr Bedürfnis nach Sicherheit wird auch nach Corona anhalten, zu viele andere große Menschheitsfragen beschäftigen und verunsichern uns alle miteinander.
Ich persönlich kann den großen Sog dieser Unsicherheiten nur aushalten, weil mein Glaube der Felsen ist, auf dem ich lebe und sterbe. Mein Pfarrer nannte uns Christen in einer Predigt mitten im Lockdown auch eine „Hoffnungsgemeinschaft“. „Hoffnung haben“, trotz so vielem, was uns herausfordert, das trifft es für mich auch gut, ist Teil meines Felsens.
Kann Kirche ein Felsen der Sicherheit und der Hoffnung gegen den Sog der Unsicherheiten werden?
Eine große Aufgabe von Kirche könnte daher sein, den Menschen Felsen der Sicherheit und der Hoffnung zu werden.
Mich in die kleinen alltäglichen Sicherheitsbedürfnisse der Leute hier hineinzuversetzen, ist gar nicht so schwer:
Eltern brauchen Räume der Reflexion und der inneren Stärkung, damit sie ihre täglichen Herausforderungen angehen können ohne selbst Schaden zu nehmen.
Kinder brauchen glückliche Eltern, die ihnen Sicherheit geben.
Jugendliche brauchen Jugendliche, dazu neben den Eltern andere Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen. Alte Menschen brauchen Kontakte gegen das Alleinsein als Versicherung, dass sie noch Teil der Gesellschaft sind. Die Leute „dazwischen“, zu denen ich mich zähle, brauchen Orte des Auftankens.
Wir alle könnten irgendwie einen besonderen Ort gebrauchen.
Meine Kirche steht an einem ganz besonderen Ort
Meine Kirche, deren Glocken mich ja auf diese Gedankenreise geschickt haben, steht an einem ganz besonderen Ort: auf dem Campus der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB). In Nicht-Coronazeiten flanieren montags bis freitags Studierende, Lehrende, Mitarbeitende der EHB direkt an ihr vorbei. Das sind zum großen Teil Leute, die religiöse oder soziale Berufe ergreifen wollen oder sie unterrichten. Sie leben hier nicht, sind dem Kirchgebäude trotzdem im Alltag räumlich nah.
An diesem besonderen Ort könnten vielleicht die Bedürfnisse der Menschen hier auf besondere Art befriedigt werden.
Meine Kirche: Ein Felsen in der Brandung
In mir entsteht ein bewegtes Bild:
Das Kirchgebäude steht fest und geerdet im Zentrum, um das viele Menschen wuseln.
Montags treffen sich die Hochschulleute zu einer christlichen Meditation zum Wochenauftakt. Sie gehen gestärkt hinaus, weil sie das gefunden haben, was sie an diesem Tag benötigen: Ruhe vor dem beginnenden Arbeitsalltag, Verbindung der persönlichen Herausforderungen mit einem größeren Ganzen, Verbindung mit den Menschen, die ebenfalls da sind und ihnen sonst auch im Hochschulleben begegnen.
Im großen Gemeindehaus gibt es eine Diakoniestation, die u.a. ein Café vor und in der Kirche betreibt. Hierhin kommen Kita-Eltern, die sich gern auf einen Kaffee hinsetzen möchten und alte Menschen, die hier ein Ziel ihrer Spaziergänge finden und eine Verschnaufpause dazu.
Jugendliche verdienen sich hier kellnernd ein Taschengeld.
In jeder Woche gibt es eine neue „Frage der Woche“, die die Gäste miteinander ins Gespräch bringt. Alle Mitarbeitenden des Cafés laden sie freundlich dazu ein und haben Zeit, sich dazuzusetzen.
Studierende finden einen Praktikumsplatz im Café, bei den anderen Angeboten der Diakoniestation oder im Pflegeheim nebenan. Wir Menschen „dazwischen“ gehen gern hin, weil der Kuchen lecker, die Atmosphäre so persönlich ist und die Gespräche gut sind.
Freitagnachmittag um 16.00 Uhr versammeln sich die Gäste und Mitarbeitende des Cafés im Kirchraum, bilden einen großen Kreis, singen mit Gitarrenbegleitung ein paar Lieder, hören mit Worten, die sie verstehen, Zusagen und Verheißungen Gottes und bekommen seinen Segen zugesprochen. Manche gehen dann gestärkt nach Hause, andere bleiben noch. Die, die extra zu 16.00 Uhr gekommen sind, schließen ihre Arbeitswoche im Café ab.
Apropos Arbeit! Die muss noch einen Tag warten, zu schön ist es in der Frühjahrssonne.